Eben bin ich aus Warendorf zurück gekommen, randvoll mit Eindrücken, die ich mal versuche aufzuschreiben. Einmal natürlich, damit ihr alle auch was davon habt, zum andern damit ich möglichst wenig vergesse ;-)
Also, Titel des Seminars, klar "Balance in der Bewegung".
Nach den üblichen Ansprachen und Danksagungen geht es dann endlich los. "Was heisst das überhaupt "Balance in der Bewegung"?
Zunächst denkt man , dass es um die Balance auf dem Pferd geht, wenn es sich bewegt. Aber eine Übung bringt die Wahrheit an's Licht. Alle aufstehen, alle schließen die Augen und sollen einfach stehen, Knie nicht durchdrücken. Da merkt man schnell, dass Balance selbst im Stehen einfach nur durch Bewegung zu erreichen ist.
Weitere Übung: Durchdrücken der Knie, und schon wird es viel schwieriger, sich auszubalancieren. Oder: Hände an die Pobacken, Charly Chaplin Stand (Fersen zueinander, Fußspitzen nach außen), dann umgekehrten Stand... was spielt sich ab in der Gesäßmuskulatur... kleine Übungen, die einen fühlen lehren.
Wo müssen wir beweglich sein? "Hände an die Hüften"... ggg die meisten legen die Hände auf den oberen Beckenkamm, aber da bewegt sich nix oder wenn, dann gibt es höchstens ein Hohlkreuz. Also Hände tiefer in Leistenhöhe ;-)... und einen guten Reiter erkennt man auch nicht an den permanent starr tiefen Absätzen, sondern (u.a.) an der Beweglichkeit seiner Fußgelenke...
Nach dieser Einleitung wird dann endlich geritten. Nein, nicht von uns ca 450 Zuschauern (von denen mehr als die Hälfte Amateurreitlehrer sind, einige Profis, der Rest ambitionierte Freizeitreiter), sondern von S.v.D. unter Anleitung ihrer Kusine, die den
"typischen" Reitlehrer mimt, nachdem S.v.D. sich erst mal mit dem ihr unbekannten Pferd warm gemacht hat. Dieses Pferd steht ziemlich unter Spannung, ist noch jung und die vielen Zuschauer irritieren es. Dennoch nimmt es die Hilfen von S.v.D. gut und vertrauensvoll an. Wie fein es geritten ist, zeigt sich dann, als S.v.D. den ungeübten Reiter demonstriert. Krumm und bucklig hockt sie da oben, starre Arme, keine Verbindung zum Pferdemaul... das Pferd ist vollkommen irritiert und verliert erst mal den Schwung und will dann gleich in Schritt fallen. Die Korrektur der "Reitlehrerin: "Setz dich aufrecht, Schulterblätter zurück, mach die Beine lang, Kopf hoch, nein, nein, das Kinn mehr zurück" S.v.D. folgt ihren Anweisungen peinlich genau, sitzt überstreckt, starr, unbeweglich vor lauter Haltung bewahren... das Pferd fängt an zu rennen... eine halbe Runde wieder "richtig" geritten und das Pferd findet sein Vertrauen wieder.
Nun Demonstration des Stuhlsitzes. Erklärung: Es nutzt nichts, dem Reiter zu sagen, er soll die Beine lang machen, denn die Ursache dieses falschen Sitzes, ebenso wie die des Spaltsitzes, ist in der mangelnden Beweglichkeit des Beckens zu suchen und da muss angesetzt werden.
Und das tut sie dann auch, indem sie angehende Bereiter der Landesreit- und Fahrschule auf's Pferd bittet.
Der erste kommt mit Voltigurt an die Longe. Seine Fußspitzen zeigen starr nach oben innen, er sitzt zwar optisch korrekt, ein bisschen hochgezogenen Knie, aber noch "irgendwas" stimmt dennoch nicht. Kommando "Pferd loben" und zwar mit der rechten Hand auf der linken Halsseite und umgekehrt. Und da zeigt es sich, der Reiter ist einseitig, nach rechts viel beweglicher als nach links. Weitere Übung: sich so zur Seite rutschen lassen, dass der Reiter nur noch mit dem gegenüberliegenden Bein auf dem Pferd hängt. Auch hier fällt es dem Reiter nach rechts sehr viel schwerer als nach links (bessere Beweglichkeit der rechten Hüfte). Nach einigen gymnastischen Übungen sieht das schon viel besser aus. Dass insgesamt seine Knie ein bisschen hochgezogen sind, spielt hier keine Rolle, erklärt S.v.D., da das durch die Breite des Pferdes bedingt ist und hier kein Reiterfehler. Weitere Ünung zur Feststellung der Balance: Festhalten am Mittelriemen des Gurtes, Fingerknöchel zeigen nach vorn, die Hände ziehen den Riemen vorwärts aufwärts. Der Reiter soll andeutungsweise leichttraben ohne die Handhaltung zu ändern. Ach und weh... wie mach ich's nur,... man nehme den Oberkörper nach vorne in die Bewegung mit, sonst gerät man hinter diese und hat verloren. Und wie schafft man das mit der Oberkörper-Vorwärts-Aufwärts Bewegung? Richtig! Durch Beweglichkeit in der Hüfte... und die kann man trainieren. Dazu gibt's beim nächsten Reiter dann einige Anleitungen.
Dieser kommt auf's gesattelte Pferd an die Longe. Änlicher Übungsaufbau, dieser Reiter ist insgesamt geschmeidiger, hat aber links seine unbeweglichere Seite. Zum Abprüfen der Balance und des Taktgefühls folgende Übung: leichttraben, dann zwei Tritte stehen, einen sitzen, also sitz, auf,auf, sitz, auf,auf... dann umgekehrt: sitz, sitz, auf, sitz, sitz, auf... das gelingt doch recht gut. Um Balance und Takt geht es auch in der nächsten Anweisung. Im Leichttraben so tun, als jongliere man Bälle. Nach vorne oben, zur Seite nach oben, zur Seite nach unten,... dass da gelegentlich Probleme mit der Balance auftreten, sieht man daran, dass der Reiter die Hände immer wieder auch vor und zurück bewegt, statt nach oben und unten.
Und nun wieder zur Beweglichkeit des Hüftgelenks... Der Reiter wird aufgefordert, die Hände am Pferdehals abzustützen, und mehrmals die Hüfte vor und zurück zu schieben, ohne die Lage der Beine zu verändern. Dann wieder sitzen und auf einmal ist da die Hüfte locker und die Bewegung des Pferdes kommt durch den Reiter durch. Nun funktioniert auch Antraben und Durchparieren allein durch den Sitz. Durch Mitbewegen und Gegenbewegen.
Pause bei Kaffee und Kuchen, viele Gespräche mit anderen Zuschauern, die meisten sind fasziniert, eine muss natürlich kundtun, dass Frau von Dietze selbst nicht umsetzt, was sie da predigt, denn ihre Zügelfäuste seien verdeckt gewesen und bei dem Reiter mit Voltigurt hätte sie die klammernden Unterschenkel nicht bemängelt.... wie lautet momentan mein Lieblingsspruch? "Kritik an anderen hat noch keinem die eigene Leistung erspart! " Und wenn ich höre, dass genau ihre Stute immer wieder Probleme mit dem Nackenband hat und deshalb wohl in die Zucht geht, weil keine höheren Weihen mit ihr zu erreichen sind, dann frag ich mich, ob da nicht eine unbewegliche Hüfte und ziehende Hände die Ursache sein könnten ;-) [aber das nur ketzerisch am Rande! ;-)]
Pause zu Ende
In der Bahn erscheinen drei Pferde und sieben Reiter. Erst mal wird "Staturbeurteilung " betrieben. Die drei jungen Männer werden gebeten, auf einem Tisch Platz zu nehmen. Man kann gut die unterschiedlichen Körpergrößen erkennen, betrachtet man allein die Höhe der Köpfe und der Schultern. Das ganze relativiert sich, als die drei sich hinstellen. So groß ist der Unterschied gar nicht, aber die Längenverhältnisse der einzelnen von Oberkörper zu Unterkörper sind sehr unterschiedlich. Ein langer Oberkörper ist schwerer in Balance zu halten ohne starr zu werden, als ein kurzer solcher.
Ähnliche Vergleiche werden noch bei den anderen Reitern angestellt.
Dann geht es weiter mit Action. Zwei Reiterinnen auf Großpferden und ein Junge auf einem Pony stellen sich der Korrektur durch S.v.D. Auch hier wieder Übungen zum locker werden, zum Mitschwingen, und das Pony, das die erste Viertelstunde mit Himmelfahrtsnase läuft, kommt plötzlich an den Zügel, wird zufrieden. Mit 4 Pilonen wird ein Mittelzirkel gebildet, bei jedem Pferd wird die Trittzahl (bzw. nachher im Galopp die Sprungzahl) von Pilone zu Pilone gezählt. So soll mehr Takt und Rhythmus in Ross und Reiter gelangen. Und es gelingt tatsächlich. Nach einigen Runden haben alle Pferde zwischen den Pilonen Gleichmaß in Tritten und Sprüngen. Die Aufforderung, innerhalb der jeweiligen Distanz einen Tritt mehr zu machen, wird durch verkürzen der Tritte (durch Rücknahme der Hüftbewegung) gut bewältigt, ebenso eine Verminderung der Tritte durch verlängern der Tritte (und stärkerem Mitschwingen der Hüfte).
Eine weitere Übung ist das Reiten eines Dreiecks, wobei die Pilonen recht nah am Hufschlag der langen Seite stehen und die Kurve wirklich nur so eben und nur sehr kontrolliert zu erreiten ist. Immer wieder die Aufforderung von S.v.D.: "vorbereiten, annehmen und Hand weg, gehen lassen "
Alle Pferde laufen nachher fleißig und schwungvoll, die Reiter/innen sitzen sehr viel geschmeidiger.
Es folgen dann noch zwei Reiterinnen, die ähnlich gefordert und gefördert werden.
Insgesamt hat die Veranstaltung knapp 4 Stunden gedauert, ich habe selten so kurze 4 Stunden erlebt.
Meine Schilderung ist [wie immer :-)] sehr lang geworden, leider habe ich keine Bilder machen können, so dass es ziemlich mühsam zu lesen ist, aber vielleicht habt ihr ja Lust bekommen, mal die eine oder andere Übung auf euren Pferden auszuprobieren. Wenn ja, dann ist das im Sinne von S.v.D., die als Ziel hatte, dass für jeden Zuschauer wenigstens eine Übung dabei ist, die er gerne mal zu Hause auf seinem Pferd versuchen möchte.
Solltet ihr mal die Gelegenheit haben, einen ihrer Kurse zu besuchen, greift zu! Ich kann ihn nur wärmstens empfehlen!